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Wahlen in Großbritannien: Das haben wir von unserer Arbeit mit Full Fact gelernt

Um Fehl- und Desinformationen zu bekämpfen, brachten wir Faktenrpüfer, Social-Discovery- und Verifikationsspezialisten zusammen.

Das Full-Fact-Team bei der Arbeit im Büro von ITV.

Autorin: Matteo Moschella, Ryan Watts

Als am 18. April die britischen Parlamentswahlen angekündigt wurden, hatten wir nicht vor, uns damit zu befassen. Zum einen schien es recht schwierig, bis zum 8. Juni etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen. Außerdem hielten wir es – angesichts der Beobachtungen unseres CrossCheck-Teams bei den französischen Wahlen – für unwahrscheinlich, dass sich in Großbritannien eher Fehlinformationen verbreiten würden als in Frankreich.

Doch als der 1. Mai kam, hatten wir unsere Meinung wieder geändert. Als wir über die 67 Geschichten nachdachten, die wir während unseres CrossCheck-Projekts aufgedeckt hatten, wurden uns zwei Dinge bewusst:

  1. Desinformation gibt es in vielen Variationen. Vielleicht würde es im Vereinigten Königreich keine fabrizierten Artikel à la „Der Papst unterstützt Trump“ geben. Dafür aber jede Menge Übertreibungen und irreführende Inhalte auf Webseiten von extremen Parteianhängern, sowie Memes, manipulierte Fotos und Videos.
  2. Um Fehl- und Desinformationen zu bekämpfen, braucht man erfahrene Faktenprüfer sowie Social-Discovery- und Verifikationsspezialisten, die Seite an Seite zusammenarbeiten. Während des CrossCheck-Projekts hatten wir uns nicht allzu sehr mit den technischen Feinheiten des Faktenprüfens auseinandergesetzt. Frankreich zeigte uns allerdings, dass wir dies in Zukunft tun müssen.

Bislang wurden Faktenprüfung und Verifikation als zwei unterschiedliche journalistische Fertigkeiten angesehen. Demnach ist die forensische Analyse eines überarbeiteten Videos, das vorgibt zu zeigen, wie Migranten eine Frau attackieren, etwas anderes als wenn man die Behauptung eines Politikers, dass eine gewisse Anzahl von Migranten in das Land gekommen sei, auf dessen Fakten überprüft. Dies ist für die Leser allerdings unwichtig, da sie lediglich wissen möchten, was der Wahrheit entspricht und was nicht.

Die in Großbritannien führende, unabhängige Faktenprüforganisation, Full Fact, verfügt über sieben Jahre Erfahrung mit dem Überprüfen von politischen Behauptungen und meint: “Viele Menschen erhalten ihre Nachrichten über die sozialen Medien. Deshalb müssen Faktenprüfer immer auf dem Laufenden sein, was die Unterhaltungen dort betrifft. Außerdem kann die Verifikation von Social-Media-Inhalten mithilfe von Faktenprüfung ein höheres Maß an Qualität aufweisen: Anstatt lediglich auf den Artikel zu verweisen, wo ein Meme seine Informationen herhat, können Faktenprüfer deren Primärquelle finden und dessen Wahrheitsgehalt ermitteln.“

Also schlossen sich First Draft und Full Fact in der Hoffnung zusammen, die beiden Fertigkeiten des Faktenprüfens und Verifizierens miteinander zu vereinen. Bisher waren Organisationen, wie die unseren, in unterschiedlichen Kreisen unterwegs, gingen zu unterschiedlichen Konferenzen und kämpften um die gleiche finanzielle Förderung. Weiterhin getrennt voneinander zu arbeiten, ergab jedoch keinen Sinn mehr.

Gemeinsam überwachten wir Online-Unterhaltungen zu den Wahlen und versorgten Redaktionen zweimal täglich mit einem Newsletter über Informationen, die sich unseres Erachtens nach zu einem Trend entwickeln könnten. Wir beobachteten die Hauptgesprächsthemen im Netz und ermittelten, welche der online geteilten Inhalte, Gerüchte und Behauptungen ungenau oder falsch waren. Innerhalb der dreieinhalb Wochen vor dem Wahltag verschickten wir insgesamt 33 Newsletter. Diese Newsletter beinhalten wertvolle Informationen für den Beginn der Projektauswertung, in gewissem Maße eine Obduktion der Wahlen.

Die folgenden Aspekte wurden durch das Projekt deutlich:

  1. Faktenprüfer und Verifikationsspezialisten müssen viel enger zusammenarbeiten als bisher.
  2. Faktenprüfer sollten sowohl offizielle Quellen als auch Online-Unterhaltungen in Echtzeit mitverfolgen.
  3. Zu entscheiden, was aufgeklärt werden sollte, ist nicht einfach. Es gab viele Artikel, Memes und Fotos, die wir nicht angerührt haben. Denn wir wussten, dass unser Eingreifen unnötig Aufmerksamkeit auf Inhalte lenken würde, die bislang nur ein sehr kleines Publikum erreichten. Doch diese Entscheidungen zu treffen, stellte jeden Tag eine Herausforderung dar.
  4. Wir müssen aufhören, uns über fabrizierte Nachrichtenseiten (oder auch „Fake News“) den Kopf zu zerbrechen und anfangen, uns mehr Gedanken über Memes – lebhafte mit Texten versehene Bilder – zu machen. Durch die Arbeit mit verschiedenen Wahlkontexten wird deutlich, dass Fehlinformationen anhand von Memes effektiv verbreitet werden.
  5. Wir müssen anfangen, Seiten von extremen Parteianhängern ernst zu nehmen. Sie sind einer der Orte, an denen der Wahlkampf ausgefochten wird.

Über die vergangenen vier Wochen hinweg überwachten First-Draft-Experten, die sich auf die Verifikation von Inhalten und die Nachrichtenauswahl auf sozialen Medien spezialisieren, das Social Web mithilfe von ausgefeilten Scraping-Technologien. Zusätzlich verwendeten sie einige der klügsten Technologie-Plattformen (darunter auch NewsWhip, Trendolizer, Crowdtangle, Trendsmap und Signal), um Gerüchte, Statistiken und Grafiken zu ermitteln, die es zu überprüfen galt. Wie Full Fact zugab, wäre ihnen normalerweise gar nicht aufgefallen, dass sich bestimmte Gerüchte verfestigten, da sie schlichtweg nicht nach ihnen Ausschau hielten.

Die Online-Unterhaltungen zu den Wahlen drehten sich um spezifische Themen, wie die NHS oder Steuern, und zeichneten sich durch ein verstärktes Teilen von Grafiken aus, die fälschliche Informationen zu einer gewissen Thematik beinhalteten.

Unser Team konnte zwar die digitalen Spuren desjenigen untersuchen, der eine politische Grafik oder ein Meme ursprünglich gepostet hatte. Allerdings mussten wir auch schnell feststellen, wie häufig diese Bilder auf der „vermeintlichen Glaubwürdigkeit und Echtheit“ von Statistiken und vergangenem Abstimmungsverhalten beruhten, und diese dann mit überzeugendem Bildmaterial und leicht nachvollziehbaren Beispielen kombinierten.

Die am meisten verbreiteten Inhalte während der gesamten Wahlen basierten auf der NHS. Ein Video auf der Facebookseite „NHS Roadshow“ wurde im Laufe des Wahlkampfes 10 Millionen Mal angeschaut und wurde von Full Fact einer intensiven Faktenprüfung unterzogen, bei der jede Behauptung einzeln untersucht wurde. Sie kamen zu dem Schluss, dass viele der Behauptungen in dem Video größtenteils der Wahrheit entsprachen, manche jedoch nicht zweifelsfrei überprüft werden konnten.

Abgesehen vom Gesundheitswesen, so behauptete ein Meme, habe die jüngste Regierung der Conservatives die Staatsschulden um ein Vielfaches erhöht und zwar mehr als “alle Premierminister der Labour-Partei zusammengenommen”.

Dies ist allerdings kein fairer Vergleich, da sich sowohl die Wirtschaft als auch die Regierung im ständigen Wachstum befinden. Das interessiert diejenigen, die solche Aussagen teilen, allerdings herzlich wenig.

Politiker wurden falsch zitiert und auch ihre politischen Handlungen im öffentlichen Amt wurden oft aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt. Ein Bild, in dem Theresa May ein homophobes Zitat zugeschrieben wird, verbreitete sich rasend schnell und das, obwohl es keine Beweise für die Echtheit des Zitates gab und der Erschaffer des Memes scheinbar zugab, dass es fingiert worden war. Es kursierten auch Bilder im Netz, die falsche Behauptungen zu David Davis Spesenabrechnung und Damien Greens Einstellung zu Arbeiterrechten verbreiteten. Und auch ein Meme mit fälschlichen Aussagen zum Abstimmungsverhaltens der Premierministerin in ihrer Zeit als Parlamentsmitglied wurde 1.500-mal auf Facebook geteilt.

Statistiken sorgen für einen zusätzlichen Anschein an Glaubwürdigkeit und verbessert die Chancen von Behauptungen, online geteilt zu werden. Als die Öffentlichkeit nach den Terroranschlägen in London und Manchester von den Kürzungen der Polizeikräfte erfuhr, wurden durch Grafiken vereinfachte Sachverhalte eines komplexen Themas verbreitet und in Memes sogar auf noch gröbere Aussagen reduziert. Im Zuge des Wahlkampfes veröffentlichte Full Fact seine eigenen Erkenntnisse zu diesem Thema, dennoch sind die älteren Bilder weiterhin im Umlauf. Andere beliebte Grafiken, wie die Abbildung eines unverhältnismäßigen Säulendiagramms, das mehr als 40.000 Mal auf Facebook geteilt wurde, verdeutlichen die Allgegenwärtigkeit von irreführenden Statistiken.

Zuweilen sind diese Bilder ästhetisch sehr eindrucksvoll, ziehen die visuelle Grammatik des Internets in Betracht und sind in ihrer Erstellung recht aufwendig. Sie sehen oft aus, als stammen sie von professionellen Quellen und werden trotz der Tatsache, dass sie Fehlinformationen verbreiten, geteilt. So auch die Infografik vom “Magischen Geldbaum” der Labour-Partei, die von mehr als 4.000 Usern retweetet wurde.

Unsere Partner bei Full Fact fassten das Projekt wie folgt zusammen:

“Es gab einige Gründe, warum diese Wahlen anders waren. Es gab Terroranschläge, die den öffentlichen Wahlkampf zum Stillstand brachten – aber nicht das Internet. Außerdem fehlte es den politischen Kampagnen merklich an Fakten. Es wurden viele Versprechen für die Zukunft gegeben, ohne jedoch groß zu erklären, was die Umsetzung dieser Versprechen im Hier und Jetzt benötigten. Dies kam sogar so häufig vor, dass wir einen Artikel darüber schrieben, was von den Parteien außen vorgelassen wurde.

Das Allerwichtigste, das wir von First Draft gelernt haben, war, wie wichtig es ist, auch die unkonventionellen Nachrichtenquellen umfassend zu beobachten. Erst durch First Drafts Verwendung von Tools wie Trendolizer und NewsWhip, konnten wir sehen, was die Menschen wirklich fragten. Eine unserer beliebtesten Untersuchungen galt einem Video über die NHS und einer Infografik zur britischen Wirtschaft, die sich im Netz rasant schnell verbreitet hatten. Als wir unsere Schlussfolgerungen veröffentlichten, wurden diese von weitaus mehr Leuten geteilt als unsere üblichen Faktenprüfungen, da es sich hierbei um Dinge handelte, die die Menschen bereits interessierten.

Aufgrund unserer Zusammenarbeit mit Journalisten, die zweimal täglich Newsletter zusammenstellten, mussten wir reaktionsfähigere und abwechslungsreichere Inhalte erstellen, die von den Mainstream-Nachrichten des Tages unabhängig waren.“

Unsere Zusammenarbeit erwies sich während dieser abrupten Parlamentswahlen als außerordentlich wertvoll und lässt uns hoffen, dass dies erst der Anfang war. Die Präzision der Faktenprüfung vereint mit der Fähigkeit, schnell zu erkennen, welche Behauptungen sich ausbreiten, kann uns dabei helfen, die Öffentlichkeit mit verifizierten und wahrheitsgemäßen Informationen zu versorgen.

Facebook und Google News Lab unterstützten First Draft und Full Fact in ihrer Zusammenarbeit mit großen Redaktionen, um die sich während der britischen Parlamentswahlen ausbreitenden Gerüchte und Fehlinformationen im Internet zu thematisieren.

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