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Ihr Leitfaden für Augenzeugen-Medien: Von der Entdeckung bis zur Überprüfung

Über die Arbeit mit Quellen aus Sozialen Medien – Ein Ratgeber für Journalisten

Dieser Ratgeber beantwortet die zentralen Fragen bezüglich Augenzeugen-Medien – Fotos oder Videos, die von inoffiziellen Quellen stammen – sowie Status-Updates auf sozialen Netzwerken und anderen Online-Plattformen.

Quellen aus Sozialen Medien

Einleitung

Immer häufiger kommt es vor, dass die aussagekräftigsten Bilder von Nachrichtenereignissen von Augenzeugen eingefangen werden. Aufgrund der Allgegenwärtigkeit von Smartphones und der Beliebtheit von sozialen Netzwerken sind zu dem Zeitpunkt, wenn professionelle Kamerateams am Ort des Ereignisses eintreffen, in den meisten Fällen bereits Bilder oder Videos auf Plattformen wie Twitter, Instagram, YouTube, Vine und WhatsApp hochgeladen wurden, oder Live-Streams auf Periscope oder Facebook Live erschienen. Zudem gibt es weitere Passanten, die gegebenfalls auch Material auf ihren Telefonen aufgenommen haben, welches sie nur noch nicht online geteilt haben.

Als Mitarbeiter einer Nachrichtenorganisation ist es durchaus wahrscheinlich, dass Sie an der Veröffentlichung dieser Bilder interessiert sind. Doch wie können Sie die folgenden rechtlichen und ethischen Hindernisse bewältigen? Dieser Ratgeber beantwortet die zentralen Fragen bezüglich Augenzeugen-Medien – Fotos oder Videos, die von inoffiziellen Quellen stammen – sowie Status-Updates auf sozialen Netzwerken und anderen Online-Plattformen.

1. Kapitel: Wie nehme ich mit einer Quelle aus den sozialen Medien Kontakt auf?

Ein Großteil dieses Ratgebers konzentriert sich zwar auf Augenzeugen-Medien, dennoch wird es Ihnen als Journalist häufig passieren, dass Sie eine Person, die bei Ihrer Berichterstattung helfen kann, über ein soziales Netzwerk kontaktieren möchten. Hier sollten Sie besonders bedenken, dass manche Nutzer von Ihrem Interesse mit ihnen zu reden, überrascht sein werden und sogar Unbehagen verspüren könnten.

In vielen Fällen haben diese Quellen gerade etwas Traumatisierendes erlebt, befinden sich vielleicht sogar noch in Gefahr oder zumindest in einer unerwartet schweren oder besorgniserregenden Situation. Im Falle einer Eilmeldung bzw. eines aktuellen Ereignisses befinden Sie sich selbst zwangsläufig unter enormem Druck. Trotzdem ist es wichtig, dass Sie immer die Gefühle und Lage der Person in Betracht ziehen, die Sie erreichen wollen. Taktlosigkeit von Seiten eines Journalisten kann dazu führen, dass Augenzeugen sich zurückziehen oder gar jeglichen Kontakt abbrechen.

Vertrauen aufzubauen ist bei der Kommunikation über soziale Medien unverzichtbar. Menschen neigen dazu, online vorsichtiger zu sein: das heißt, Sie müssen oftmals mehr Zeit in das Gespräch investieren als bei einem persönlichen Interview oder Telefonat. Mit der Tür ins Haus zu fallen und direkt nach einem Zitat zu fragen, ist somit deutlich weniger erfolgsversprechend.

Zusätzlich sollte man die ethischen Implikationen berücksichtigen, die die Verwendung von online geposteten Informationen und Zitaten mit sich bringen kann. Obwohl bestimmte Orte auf einigen Plattformen öffentlich sind, zeigen Untersuchungen1, dass Nutzer sich zwar der Öffentlichkeit ihrer Kommentare bewusst sind, die Orte aber dennoch als private Bereiche ansehen, in denen sie sich mit anderen Menschen über gleiche Themen austauschen können. Dies gilt insbesondere für Chatrooms und Foren. Folglich ist es empfehlenswert, die Person, an dessen Meinung man interessiert ist, direkt um ein neues Zitat zu bitten, anstatt den Text einfach von der Online-Quelle zu kopieren. Unterhaltungen im Chatroom beizutreten, erweist sich auch nur selten als erfolgreich, da Chatroom-Nutzer neue Mitglieder nicht immer willkommen heißen. In solchen Fällen treten Sie am besten erst mit dem Chatroom-Administrator in Kontakt und bitten sie oder ihn, etwas für Sie zu posten.

Auch ehemalige Freundschaften oder Uni-Bekanntschaften können sich von Zeit zu Zeit als nützlich für Journalisten erweisen, um an Informationen zu gelangen, die nicht vollkommen öffentlich verfügbar sind. Jede Redaktion sollte ethische Richtlinien zur Verwendung von Informationen haben, die durch solche sozialen Beziehungen eingesehen wurden.

‚Private‘ Nachrichtenportale, wie geschlossene Facebook- oder WhatsApp-Gruppen, können ein weiteres ethisches Dilemma darstellen. Von solchen Orten sollte man sich kein Material holen oder Unterhaltungen zitieren – selbst wenn man darauf achtet, keine Namen zu nennen – da dies unangebracht wäre. Dass es sich hierbei um private Plattformen handelt, deren Gruppen tausende Mitglieder haben können, kann mitunter schnell vergessen werden. Auch in einer ‚geschlossenen’ Facebook-Gruppe kann man sich keine Informationen beschaffen.

Es gibt keine verbindlichen Richtlinien im Bereich der Nachrichtenbeschaffung in sozialen Netzwerken. Kein Nachrichtenereignis gleicht dem anderen. Möchten Sie sich Fotos von der Facebook-Seite eines Opfers eines Verbrechens beschaffen oder von der Person, die ein Verbrechen begangen hat? Möchten Sie die letzte Nachricht veröffentlichen, die eine erwachsene Person vor dem Absturz ihres Flugzeugs, oder sogar dem ihres Kindes, geschrieben hat? Wenn ein Teenager sich das Leben nimmt und der beste Freund oder die beste Freundin Ihnen Screenshots ihrer letzten Snapchat-Nachrichten gibt, ist es angemessen, diese auch zu verwenden?

Jeder einzelne dieser Fälle ist unterschiedlich und bedarf redaktioneller Entscheidungen. Unsere Empfehlung: nehmen Sie sich Zeit, um unterschiedliche ethische Szenarien mit Ihrem Redaktionsteam durchzugehen, damit all Ihre Mitarbeiter die wichtigsten auftretenden rechtlichen und ethischen Problematiken verstehen.

Zusammenfassung:

Die Kontaktaufnahme mit einer Quelle über soziale Medien kann sich als zeitaufwändig erweisen, da erst deren Vertrauen gewonnen werden muss. Wenn möglich, versuchen Sie nach der Kontaktaufnahme die Unterhaltung über eine offizielle E-Mail-Adresse fortzuführen. Obwohl Orte im Internet prinzipiell öffentlich sein können, werden diese nicht von allen Nutzern als solche angesehen. Gehen Sie mit Informationen, die Sie an solchen Orten erhalten, respektvoll um und versuchen Sie am besten die Quelle direkt zu kontaktieren, um sie um ein bestimmtes Zitat zu bitten.

Es gibt keine verbindlichen Richtlinien für das Beziehen von Informationen und Materialen in den sozialen Medien. Jeder Fall ist unterschiedlich. Aus diesem Grund ist es wichtig, Gruppendiskussionen in der Redaktion zu führen, bei denen verschiedene Szenarien durchgesprochen werden, um ethischen Leit- und Richtlinien abzuklären und abzuwägen.

Quick Tipps:

  • Erkunden Sie sich nach dem Wohlbefinden Ihrer Kontaktperson. Bedenken Sie dabei, dass deren psychische und emotionale Gesundheit genauso wichtig ist wie ihre physische Sicherheit.
  • Erklären Sie ihrer Kontaktperson, wie Sie sie gefunden haben und auf welche Weise Sie in der Lage waren, sie zu kontaktieren (gehen Sie nicht davon aus, dass sie versteht, wie Privatsphäre-Einstellungen auf verschiedenen sozialen Netzwerken funktionieren).
  • Stellen Sie von Anfang an klar, für welche Nachrichtenorganisation Sie tätig sind.
  • Erklären Sie, warum Sie glauben, dass die Aussagekraft ihres Artikels von den Informationen ihrer Kontaktperson profitieren wird.
  • Geben Sie ihrer Kontaktperson Ihre offizielle E-Mail-Adresse oder die Telefonnummer Ihrer Redaktion, damit sie sicherstellen kann, dass Sie auch die Person sind, für die Sie sich ausgeben.

1. Hudson, James H./Bruckman, Amy (2004): Go Away: Participant Objections to Being Studied and the Ethics of Chatroom Research. The Information Society (20): S. 127-139
http://www.cc.gatech.edu/~asb/papers/journal/hudson-bruckman-tis04.pdf

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